Pro-SAU


Nummer: 100964
Akronym: Pro-SAU
Titel (deutsch): Forschungsprojekt Pro-SAU: Evaluierung von Abferkelbuchten mit der Möglichkeit zur temporären Fixierung der Sau - Bereich Erörterung der kritischen Lebensphase, Verlustanalysen und Ökonomie (Gesamtprojektleitung und Integration Praxisteil)
Projektstart: 15.12.2013
Projektende: 31.12.2017
AuftragnehmerIn: HBLFA Raumberg-Gumpenstein
Projektleitung: Dipl.-Ing. Birgit Heidinger
Finanzierungsstellen: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft
Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus
Wissenschaftszweig: LAND- U. FORSTWIRTSCHAFT, VETERINÄRMEDIZIN / Viehzucht, Tierproduktion / Tierhaltung / Schweinehaltung / AGRARWISSENSCHAFTEN, VETERINÄRMEDIZIN

Zielsetzung

Ziel dieses Projekts ist die Evaluierung von zusammen mit Partnern aus Wissenschaft und Praxis entwickelten/modifizierten Abferkelsystemen mit temporärer Fixierungsmöglichkeit der Sau hinsichtlich klar definierter Parameter. Zu diesen zählen Kriterien zur Verbesserung des Wohlbefindens der Tiere und der Tierbetreuung ebenso wie ökonomische und arbeitswirtschaftliche Aspekte – ausschließlich unter der Prämisse der Konformität mit den geltenden Rechtsvorschriften betreffend Tierhaltung und Tierschutz.

Bedeutung des Projekts für die Praxis

Die Forschungsergebnisse dieses Projekts sollen dem Gesetzgeber wesentliche Entscheidungsgrundlagen liefern, um die Mindestanforderungen für die Haltung von Schweinen in Österreich zu bewerten und im Anlassfall gesetzliche Änderungen vorzunehmen. Die erzielten Ergebnisse können erheblichen Einfluss auf die österreichische Schweineproduktion nehmen und es ist für das Fortbestehen einer wirtschaftlichen Ferkelproduktion in Österreich von besonderem Stellenwert, frühzeitig praxistaugliche Systemalternativen – in welchen sich die Sauen innerhalb definierter Zeiträume frei bewegen können – sowie geeignete Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen, um die Umstrukturierungen in der Branche bis spätestens 1. Jänner 2033 zu einem Abschluss bringen zu können.

Abschlussbericht


Kurzfassung (deutsch)

Die in Europa seit den 70er Jahren praktizierte Haltung von Sauen während der Geburts- und Säugeperiode im Kastenstand der Abferkelbucht war in den vergangenen Jahren wiederholt Gegenstand öffentlicher Diskussionen, welche in Österreich in einem amtswegigen Prüfungsverfahren der Volksanwaltschaft zur Klärung der Rechtskonformität der 1. Tierhaltungsverordnung mündeten. Ergebnis dieses Verfahrens war die mit 9. März 2012 veröffentlichte Änderung der 1. THVO (BGBl. II Nr. 61/2012). Diese sieht unter anderem vor, dass bis spätestens 1. Jänner 2033 alle in Österreich eingebauten Abferkelbuchten eine Mindestfläche von 5.5 m2 aufweisen müssen, dabei darf eine Mindestbreite der Bucht von 160 cm nicht unterschritten werden. Des Weiteren dürfen die Sauen nur mehr bis zum Ende der „kritischen Lebensphase“ der Ferkel zum Schutz dieser fixiert werden. Die Abferkelstände müssen sowohl in Quer- als auch Längsrichtung auf die Körpergröße der einzelnen Sauen einstellbar sein. Die geänderten Rechtsvorschriften für die Haltung in Abferkelbuchten zogen zahlreiche Fragestellungen hinsichtlich der baulichen Ausführung, der Tiergerechtheit, der Wirtschaftlichkeit und der Produktionssicherheit nach sich, die im Zuge des vom Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) sowie Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW) im Herbst 2013 beauftragten Projekts „Pro-SAU“ bearbeitet und analysiert werden sollten. Die Projektpartner (Landwirtschaftskammern, HBLFA Raumberg-Gumpenstein, Veterinärmedizinische Universität Wien, Universität für Bodenkultur Wien, AGES Graz, HBLFA Francisco Josephinum Wieselburg, VÖS) haben sich auf eine Untergliederung des Gesamtprojekts in folgende drei Teile festgelegt: o Projekt der HBLFA Raumberg-Gumpenstein (HBLFA-Projekt), Konsortialführerschaft und Gesamtprojektleitung durch DI Birgit Heidinger o Projekt der Landwirtschaftskammer Österreich zur „Weiterentwicklung bestehender Abferkelbuchten – praktischer Teil“ (LK-Projekt) unter der Leitung von DI Johann Stinglmayr o Projekt der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni-Projekt) unter der Leitung von Ass.-Prof. Dr.med.vet. Johannes Baumgartner Ziel von Pro-SAU war die wissenschaftliche Beurteilung von Abferkelsystemen mit temporärer Fixierungsmöglichkeit der Sau. Zu den Beurteilungskriterien zählten neben der Rechtskonformität auch Parameter des Wohlbefindens der Tiere, der Tierbetreuung sowie arbeitswirtschaftliche und ökonomische Aspekte. Eine zentrale Fragestellung war die Erörterung der im Gesetz genannten „kritischen Lebensphase von Saugferkeln“. Dem HBLFA-Teilprojekt waren innerhalb des Gesamtprojekts folgende Aufgabenbereiche und Kompetenzen zugeordnet: o Konsortialführerschaft und Leitung des Gesamtprojekts (DI Heidinger) o Inhaltliche Koordination des Projekts sowie interne Kommunikation zwischen den Projektpartnern o Erhebung von Datengrundlagen zu folgenden Themenbereichen in den Forschungsbetrieben Gießhübl und Hatzendorf: - Produktionsdaten und biologische Leistungen - Erdrückungsereignisse (Videoaufnahmen) - Haltungsbedingte Schäden und Verletzungen an Sauen und Ferkeln - Verschmutzung von Sauen und Buchten - Ferkelverlustursachen anhand pathoanatomischer Untersuchungen (Sektionen) verendeter Ferkel - Stallklimatische Bedingungen (Voruntersuchungen und begleitende Erhebungen) - Tierbehandlungen (Sauen und Ferkel) o Datenerhebungen zu haltungsbedingten Schäden und Verletzungen an Sauen und Ferkeln sowie der Tier- und Buchtenverschmutzung in drei von sechs Praxisbetrieben des LK-Projekts (drei Betriebe wurden durch die LK OÖ bzw. LK NÖ betreut) o Datenhoheit, -aufbereitung und -auswertung zu folgenden Forschungsbereichen: - Produktionsdaten bzw. biologische Leistungen in allen Projektbetrieben - Erörterung der "kritischen Lebensphase von Saugferkeln" in den drei Forschungsbetrieben - Videoanalyse von Erdrückungsereignissen aus den Betrieben Gießhübl und Hatzendorf - Stallklima-Analysen und Dokumentation in allen beteiligten Projektbetrieben - Sektionen der Ferkel aus den Betrieben Gießhübl und Hatzendorf - Haltungsbedingte Schäden und Verletzungen in den Praxisbetrieben - Verschmutzung von Sauen und Buchten o Unterstützung der „AG Ökonomie“ bei Konzeption der arbeitswirtschaftlichen und ökonomischen Erhebungen o Unterstützung der „AG Umsetzung und Beratung“ in allen Belangen der Kampagnisierung und des Wissenstransfers in die Praxis o Unterstützung und fachliche Begleitung von MasterstudentInnen der BOKU bei Auswertungen zur Verschmutzung von Tieren und Buchten sowie zur Herzfrequenzvariabilität o Koordination und Zusammenführung der Berichte aus den Teilprojekten sowie der AG Ökonomie und Arbeitswirtschaft in einen gemeinsamen Zwischen- sowie Abschlussbericht; dessen Endredaktion und Einreichung bei den Projektauftraggebern Im dreijährigen Hauptversuch wurden fünf verschiedene Abferkelbuchtentypen untersucht. Drei dieser Buchtentypen entstammen einer Entwicklungsarbeit von österreichischen Partnern aus Wissenschaft, Beratung, Stallbaubranche und Praxis („LK-Buchten“). Es sind dies die Flügelbucht, die Knickbucht und die Trapezbucht. Zusätzlich wurden zwei zu Projektbeginn am europäischen Markt angebotene, ausländische Buchtentypen (SWAP-Bucht und Pro Dromi-Bucht) getestet. Als Versuchsbetriebe für das Forschungsvorhaben standen neben drei Forschungsbetrieben (LFS Hatzendorf, Schweinezentrum Gießhübl GmbH und Schweinebetrieb Medau der Veterinärmedizinischen Universität Wien) auch sechs bäuerliche ferkelerzeugende Betriebe zur Verfügung. Die Einbindung von Praxisbetrieben in das gegenständliche Projekt war von besonderer Bedeutung, um die neu entwickelten Buchtensysteme auch unter praktischen Bedingungen testen und die entsprechenden Erfahrungen der LandwirtInnen erheben zu können. Dadurch konnten insgesamt robustere Ergebnisse gewonnen werden. Die Untersuchung der kritischen Lebensphase der Saugferkel fand in den drei Forschungsbetrieben statt. Die Datenaufbereitung und -auswertung erfolgte im Rehmen des HBLFA-Teilprojekts. In den genannten fünf Buchtentypen wurden die Sauen in vier Fixierungsvarianten gehalten: In FV 3 waren die Sauen vom Ende der Geburt bis zum 4. Lebenstag der Ferkel im Abferkelstand fixiert, in FV 4 wurden sie am Tag vor dem errechneten Geburtstermin ebenfalls bis zum 4. Lebenstag der Ferkel fixiert und in FV 6 vom Tag vor dem errechneten Geburtstermin bis zum 6. Lebenstag der Ferkel. Als Kontrollvariante diente die FV 0, in welcher keine Fixierung der Sauen erfolgte. Die Buchtentypen und Fixierungsvarianten wurden hinsichtlich der Auswirkungen auf die Ferkelmortalität, das Tierverhalten und die haltungsbedingten Schäden miteinander verglichen. Ebenso wurden Effekte in Hinblick auf Arbeitswirtschaft und Ökonomie erörtert. Eine Fixierung der Sau in der FV 4 stellt eine effektive Maßnahme zur Reduktion der Ferkelverluste dar. Die höchsten Verlustraten sind hingegen bei Anwendung der FV 0 zu erwarten. Die Fixierung der Sau nach Ende der Geburt (FV 3) führt zu signifikant geringeren Gesamtverlusten verglichen mit der FV 0 und zu tendenziell höheren Ferkelverlusten verglichen mit FV 4. Darüber hinaus werden bei Anwendung der Fixierungsvariante 3 aus arbeitswirtschaftlicher Sicht besondere Anforderungen an das Betreuungspersonal gestellt. In der Fixierungsvariante 6 sind gegenüber Variante 4 keine Vorteile bezüglich der Ferkelsterblichkeit festzustellen. In den untersuchten Buchtensystemen und unter Anwendung der definierten Fixierungsvarianten haben die Wurfgröße und die Wurfzahl (Alter der Sau) einen signifikanten Einfluss auf die Ferkelmortalität. Generell zieht die Fixierung der Sau eine qualitative und quantitative Einschränkung der Verhaltensmöglichkeiten für das Tier nach sich und hat einen signifikanten Einfluss auf die Aktivität der Sauen vor bzw. nach der Geburt. In der Nestbauphase zeigen im Stand eingesperrte Sauen vermehrt Positionswechsel. Das Nestbauverhalten dauert bei nicht-fixierten Sauen länger an und ist gekennzeichnet durch höhere Aktivität verglichen mit fixierten Tieren. Ebenso sind nicht-fixierte Sauen bei der Geburt aktiver und wechseln öfter die Liegeposition. Die Fixierungsvariante hat keinen Einfluss auf die Geburtsdauer. Die Aktivität der Sauen ist am Tag nach der Geburt mit und ohne Fixierung gering und steigt danach deutlich an. Fixierte Sauen zeigen jeweils am Tag des Öffnens des Standes erhöhte Aktivität. Die Fixierungsvariante hat keinen Einfluss auf die Tier- und Buchtenverschmutzung. Bei Sauen und Ferkeln ist kein eindeutig gerichteter Effekt auf die beurteilten haltungsbedingten Schäden und Verletzungen festzustellen. In den Buchtentypen treten unterschiedliche haltungsbedingte Schäden und Verletzungen gehäuft auf. Diese stehen häufig in engem Zusammenhang mit der gewählten Bodenausführung und der jeweiligen Standkonstruktion. Einige haltungsbedingte Verletzungsrisiken konnten im Projektverlauf durch entsprechende Adaption der Buchten beseitigt werden. Hinsichtlich der Systembeurteilung kann gesagt werden, dass die drei im Projekt entwickelten LK-Buchten rechtskonform ausgeführt sind. Rechtskonformität ist grundsätzlich auch für die ausländischen Buchtentypen SWAP und Pro Dromi gegeben. Diese Buchtentypen weisen jedoch Mängel in der Rutschfestigkeit des Bodens, der Verstellbarkeit der Abferkelstände und in Bezug auf Arbeitswirtschaft und Arbeitssicherheit auf. Einer entsprechenden Stabilität und Verstellbarkeit des Abferkelstandes sowie einfach zu bedienenden Mechanismen zum Öffnen und Schließen des Standes kommt in Hinblick auf die Tiergerechtheit (Verletzungsträchtigkeit, Erdrückungsgefahr) sowie Arbeitswirtschaft besondere Bedeutung zu. In allen untersuchten Buchtentypen ist die Bewegungsfreiheit der Muttersau gegeben, wobei bei einer Mindestfläche von 5.5 m2 das für jede LK-Bucht entsprechend definierte Längen- und Breitenverhältnis von entscheidender Relevanz in Hinblick auf die Funktionalität ist. Im Durchschnitt der LK-Buchten sind die Aufzuchtleistungen (in den Fixierungsvarianten 4 und 6) mit jenen in konventionellen Abferkelbuchten – mit permanenter Fixierung der Sau – vergleichbar. Die aufgetretene Variabilität zwischen den einzelnen LK-Buchtentypen ist nicht signifikant. Die Wirtschaftlichkeit der Ferkelproduktion in den neuartigen Abferkelbuchten mit Bewegungsmöglichkeit der Sau ist bei gleichen Produktionsleistungen dennoch durch deutlich höhere Investitionskosten und die Mehrkosten für Arbeit vermindert. Das Projekt Pro-SAU war gekennzeichnet durch eine einzigartige und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Beratung, Stallbaubranche und Praxis. Durch eine breitabgestützte forschungsorientierte Auslegung des Projekts unter Beteiligung der Praxis konnten valide, robuste und vor allem praxisrelevante Daten generiert werden. Die Erkenntnisse sollen den auftraggebenden Ministerien (BMGF und BMLFUW) als Entscheidungsgrundlage für die notwendige Änderung der 1. Tierhaltungsverordnung hinsichtlich der Haltung von Schweinen in Abferkelbuchten dienen. Ebenso bilden die Ergebnisse dieses Projekts die Basis für die erforderliche Begutachtung der neuen Abferkelbuchtensysteme durch die gesetzlich implementierte Fachstelle für tiergerechte Tierhaltung und Tierschutz. Für das Fortbestehen einer wirtschaftlichen Ferkelproduktion in Österreich war es von besonderem Stellenwert, frühzeitig praxistaugliche Systemalternativen – in welchen sich die Sauen innerhalb definierter Zeiträume frei bewegen können – sowie geeignete Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen, um die Umstrukturierungen in der Branche bis spätestens 1. Jänner 2033 zu einem Abschluss bringen zu können.

Berichtsdokumente/Anlagen


logo Abschlussbericht PRO-SAU - Evaluierung von neuen Abferkelbuchten mit Bewegungsmöglichkeit für die Sau (22270.15 kB)
BerichtsautorInnen: HEIDINGER, Birgit
STINGLMAYR, Johann
MASCHAT, Kristina
OBERER, Manfred
BLUMAUER, Emil
KUCHLING, Sabrina
LEEB, Christine
HATZMANN, Elisabeth
ZENTNER, Eduard
HOCHFELLNER, Lisa
LAUBICHLER, Christian
DOLEZAL, Marlies
SCHWARZ, Lukas
MÖSENBACHER-MOLTERER, Irene
VOCKENHUBER, Daniela
BAUMGARTNER, Johannes
logo PRO_SAU English summary (541 kB)
BerichtsautorInnen: siehe deutsche Version
Haben Sie Fragen? Kontaktieren Sie uns