Nummer: 10271
Akronym:
Titel (deutsch): Untersuchungen zur Vollweidehaltung von Milchkühen unter alpinen Produktionsbedingungen
Projektstart: 01.01.2005
Projektende: 31.12.2008
AuftragnehmerIn: Direktion Raumberg-Gumpenstein
Projektleitung: Dr. Andreas STEINWIDDER
Finanzierungsstellen: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft
Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft
Wissenschaftszweig:

Zielsetzung

In der Milchviehhaltung zeichnen sich Regionen mit Vollweidehaltung (Neuseeland, Australien, Irland) durch eine hohe Konkurrenzfähigkeit der Milchproduktion aus. In diesen Ländern wird eine konsequente Vereinfachung der Produktionstechnik unter maximaler Ausnutzung des natürlichen Graswachstums (Vollweide, saisonale Frühjahrsabkalbung) und Minimierung des Einsatzes von Technik, Hilfsstoffen, Zukauffutter und auch Arbeitszeit (='low input') angestrebt. Es wird eine nahezu vollständig auf betriebseigenem Grundfutter basierende Milchproduktion durchgeführt, der Grünfutteranteil an der Gesamtjahresration ist sehr hoch (über 65 %) und der Kraftfutteraufwand minimal. Wie Ergebnisse aus der Schweiz zeigen, kann eine angepasste Vollweidestrategie auch in alpinen Grünlandgunstlagen erfolgreich betrieben werden.

Im geplanten Forschungsprojekt soll in Zusammenarbeit mit 6 landwirtschaftlichen Praxisbetrieben (in Kärnten, Steiermark und Niederösterreich) eine an österreichische Rahmenbedingungen 'angepasste Vollweidestrategie' für biologisch bzw. konventionell wirtschaftende Milchviehbetriebe entwickelt werden.

Abschlussbericht


Kurzfassung (deutsch)

In einem Forschungsprojekt wurden im Berggebiet Österreichs sechs Milchviehbetriebe (fünf biologisch bzw. einer konventionell bewirtschaftet) über drei Jahre (2004/2005 bis 2006/2007) bei der Umstellung auf eine betriebsangepasste Low-Input Vollweidestrategie begleitet. Dabei strebte jeder Betrieb einen möglichst hohen Weidegrasanteil in der Jahresration, eine Verlagerung der Abkalbung in die Winter-/Frühlingsmonate und eine deutliche Reduktion des Kraftfuttereinsatzes sowie der Ergänzungsfütterung in der Weideperiode an. Bei der Umsetzung dieser Ziele wurden den teilnehmenden Betriebsleitern hinsichtlich Umstellungsgeschwindigkeit, Intensität der Umsetzung der Vollweidestrategie, Weide- und Fütterungssystem etc. keine starren Vorgaben gegeben. Zusätzlich zu den Praxisbetrieben wurden auch am Bio-Lehr- und Forschungsbetrieb „Moarhof“ des LFZ Raumberg-Gumpenstein (Schwerpunktarbeiten zu Grünlandfragen) und in geringerem Umfang auch an der Landwirtschaftlichen Fachschule Alt Grottenhof (6-10 Jerseykühe bei Vollweidehaltung) Untersuchungen zur Vollweidehaltung durchgeführt. Das in der Schweiz praktizierte Vollweidekonzept, mit streng geblockter Frühlingsabkalbung, Melkpause und nur minimaler bzw. keiner Ergänzungsfütterung zur Weide, wurde auf den Projektpraxisbetrieben mit unterschiedlicher Intensität umgesetzt. Von den sechs Praxisbe-trieben erreichten zwei Betriebe - zumindest einmal in den drei Projektjahren - eine Melkpause. Ein weiterer Betrieb strebt dies ebenfalls in den nächsten Jahren an. Von den verbleibenden drei Praxisbetrieben setzten zwei Betriebe zumindest eine gehäufte Abkalbung der Kühe von Oktober bis April um, wobei diese Betriebe jedoch in der Weidesaison noch hohe Ergänzungsfuttermengen einsetzten. Jene vier Praxisbetriebe, welche die Vollweidestrategie am konsequentesten betrieben, kamen im letzten Projektjahr auf einen Weidegrasanteil von durchschnittlich 50 % (41–61 %) an der jährlichen Trockenmasseaufnahme der Kühe. Drei Betriebe davon verzichteten in der Vollweidezeit bzw. nach dem Ende der Belegesaison generell auf eine Ergänzungsfütterung. Eine höhere Ergänzungsfütterung wurde auf den Projektbe-trieben dann verabreicht, wenn keine strenge saisonale Abkalbung umgesetzt wurde (Milch-leistung teilweise in Weidezeit sehr hoch), Maissilagevorräte am Betrieb vorhanden waren, oder phasenweise durch Trockenheit, Hitze oder Weidefuttermangel Halbtagsweidehaltung erforderlich waren. Mit 6,3 MJ NEL je kg Trockenmasse und 21 % Rohprotein wies das Weidegras im Mittel eine hohe Qualität auf, wobei jedoch eine große Streuung beobachtet wurde. Alle Projektbetriebe setzten intensive Beweidungsformen auf ihren Betrieben um, jedoch mit sehr unterschiedlichen Intensitäten. Bei den meisten Betrieben war die intensive Standweide anzutreffen. Am Bio-Lehr- und Forschungsbetrieb des Lehr- und Forschungszentrums für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein wurden parallel Weideforschungsprojekte begonnen, die sich mit den Auswirkungen der Weidehaltung auf den Boden, Pflanzenbestand und die Ertragslage beschäftigen. Erste Ergebnisse dieser Untersuchungen zeigen, dass die T-Erträge bei Weidenutzung um 11-27 % geringer ausfallen als gegenüber einer Schnittnutzung. Jedoch konnten bei den NEL-Erträgen keine Unterschiede festgestellt werden. Im Zeitraum von drei vollen Vegetations- bzw. Weideperioden wurde auf rund 75% der Weideflächen eine Zunahme der projektiven Deckung des Pflanzenbestandes festgestellt, die insgesamt mit Ø 99% auf einem sehr hohen Niveau lag. Auf zwei Drittel aller Versuchsflächen kam es zu einem teiweise starken Anstieg im Gräseranteil, wobei der höchste Zuwachs bei einigen der Kurzrasenweiden auftrat. Der für Dauergrünland als ideal erachtete Gräseranteil von 50-60% wurde mit einer einzigen Ausnahme auf allen Versuchsflächen im Jahr 2008 erreicht bzw. sogar übertroffen. Bei den Gräsern dominierten Englisches Raygras und Wiesenrispe, daneben traten auch noch Wiesenschwingel, Rotschwingel, Wiesenlieschgras und Knaulgras stärker in Erscheinung. Bei der in den vergangenen Jahren immer stärker auftretenden Gemeinen Rispe konnte auf einigen der Flächen eine deutliche Zunahme festgestellt werden. Der erwünschte Leguminosenanteil von 10 – 30% wurde auf beinahe allen Weideflächen erreicht, auf den beiden Kurzrasenweiden in Gumpenstein sowie auf den simulierten Weideflächen stieg dieser Anteil auf bis knapp 40% an. Der Kräuteranteil sank im Verlauf der Versuchsperiode auf durchschnittlich 16 Gew.-%, wobei die mit maximal 30% angegebene Obergrenze nur auf einer einzigen Fläche knapp überschritten wurde. Die durchschnittliche Artenanzahl auf den Versuchsflächen lag zu Versuchsbeginn bei 26, im Jahr 2008 waren es Ø 29 Arten (min. 16 – max. 46). Den stärksten Beitrag zur floristischen Diversität leisteten die Kräuter mit bis zu 25 unterschiedlichen Arten je Erhebungsfläche. Bei den Kräutern dominierten Wiesenlöwenzahn und Gewöhnlicher Löwenzahn sowie die als Unkräuter einzustu-fenden Kriechender und Scharfer Hahnenfuß. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Weidenut-zung auf den untersuchten Praxisbetrieben sowie auf den Flächen des LFZ Raumberg-Gumpenstein zu keinen nachteiligen Veränderungen in der Grasnarbe sowie in der Zusammensetzung der Pflanzenbestände geführt hat. Im Durchschnitt reduzierten die Betriebe den Kraftfuttereinsatz in der Milchviehfütterung um etwa 30 %, gleichzeitig ging auch die Milchleistung der Kühe zurück. Die vier Betriebe, welche die Vollweidestrategie am konsequentesten umsetzten, verfütterten im Mittel nur mehr 470 kg T Kraftfutter (8 % der T-Aufnahme) je Kuh und Jahr. Die Milchleistung der Kühe (LKV-Daten) dieser Betriebe verringerte sich von 6.475 kg (3,94 % Fett, 3,38 % Ei-weiß) im Jahr 2003 auf 5.837 kg (4,06 % Fett, 3,33 % Eiweiß) im Jahr 2007. Da der Kuhbestand ausgeweitet wurde, nahm die Milchleistung je Betrieb zu (+ 6-7 %). Sowohl bei der tatsächlich produzierten Milchmenge als auch beim Milchfettgehalt fiel die Leistung der Vollweidebetriebe von vergleichbaren konventionell bzw. biologisch wirtschaftenden Milchvieharbeitskreisbetrieben ab (Milchmenge: -1.038 bzw. -385 kg/Kuh und Jahr; Milchfett: -0,1 bis -0,2 %/kg Milch). Im Milcheiweißgehalt lagen die Vollweidebetriebe mit 3,3 % im Jahresmittel um 0,1-0,2 % tiefer als die konventionell wirtschaften Betriebe, jedoch auf vergleichbarem Niveau mit österreichischen AK-Milch Bio-Betrieben. In den Monaten Juli, August und September muss bei konsequenter Vollweidehaltung mit Milchharnstoffgehalten über 35 mg/100 ml (35–60) gerechnet werden. Aus den Anteilen an Verlustkühen auf den Betrieben, dem Bestandesergänzungsanteil, der Lebensleistung der Kühe auf den Betrieben, den Tierarztkosten sowie dem Besamungsindex konnten keine negativen Auswirkungen der Vollweidehaltung auf die Tiergesundheit abgeleitet werden. Bei einigen Parametern hoben sich die Betriebe sogar positiv vom Mittel der vergleichbaren AK-Betriebe ab. In der Umstellungsphase verlängerte sich jedoch die Zwischenkalbezeit der Kühe auf 415 Tage und lag damit deutlich über den Ergebnissen der vergleichbarer AK-Milchviehbetriebe in Österreich (Bio: 393 Tage, kon. 394 Tage). Nur jene zwei Betriebe, die auch eine Melkpause erreichten, lagen im letzten Projektjahr im Mittel bei 379 Tagen. Auf Grund des teilweise mehrjährigen „Zusammenwartens“ bei den Projektbetrieben wiesen immer wieder Kühe eine deutlich verlängerte Laktationsdauer auf (400-600 Tage), was die Serviceperiode und damit die Zwischenkalbezeit erhöhte. Zusätzlich weist dieses Ergebnis aber auch auf Einzeltierprobleme bei der rechtzeitigen Wiederbelegung der Kühe hin. Das Erreichen und Einhalten einer engen Blockabkalbung stellt eine große Hersausforderung für die Betriebe dar und kann nicht auf jedem Betrieb erwartet bzw. umgesetzt werden. Die Ergebnisse aus den Untersuchungen zu den Mineralstoffen und Stoffwechselparametern zeigten, dass zwar zu Weidebeginn geringe Belastungen auftraten, aber diese im Großen und Ganzen im physiologischen Bereich lagen. Besonderes Augenmerk ist auf die Phosphor- und Natriumversorgung zu legen. Die Umstellung auf die Weide im Frühjahr ist behutsam durch-zuführen, damit die Kühe keinen extremen Übersäuerungen ausgesetzt sind. Auf den Praxisbetrieben wurde - je nach Berechnungsvariante - eine Grundfutterleistung von knapp 4.400 kg ECM (errechnet über Energieaufnahme aus Kraftfutter) bzw. 4.950 kg je Kuh (1,7 kg Milch/kg Kraftfutter mit 7,0 MJ NEL/kg) festgestellt. Sowohl in der Grundfutterleistung als auch in der Futterkonvertierungseffizienz schnitten erwartungsgemäß jene Betriebe schlechter ab, welche schwere Kühe mit relativ geringer Milchleistung hielten. Die Grundfutterleistung der Betriebe 1-4 lag bei 4.233 kg ECM bzw. 4.667 kg je Kuh. Im Vergleich dazu erzielten die Jersey-Kühe des Betriebes 8 mit 5.537 kg ECM (errechnet über Energieaufnahme aus Kraftfutter) eine um etwa 1.300 kg höhere ECM-Grundfutterleistung. In der Futterkonvertierungseffizienz lagen die Betriebe 1-4 mit 0,8–1,0 kg T/kg Futter deutlich unter dem Ziel von 1,2. Im Vergleich dazu erreichten die Jersey-Kühe auf Betrieb 8 eine Futterkonvertierungseffizienz von 1,27. Wenngleich bei ökonomischer Betrachtung auch zu berücksichtigen ist, dass Kälber von Kühen mit einer sehr guten Futterkonvertierungseffizienz für Milch in der Regel für die Mast weniger gut geeignet sind, muss zukünftig insbesondere bei Umsetzung von Low-Input-Strategien besonderes Augenmerk auf die Effizienz der Tiere und des Systems gelegt werden. Die Ergebnisse der Betriebszweigabrechnung ermöglichten eine ökonomische Analyse der Vollweidesysteme in den Projektbetrieben. Für einen Projektbetrieb konnte auch eine Vollkostenanalyse und Einkommensberechnung bewerkstelligt werden. Generell wird die Wirtschaftlichkeit mit Modellrechnungen auf Basis der Betriebszweigabrechnung geprüft, um die Auswirkungen des Systems Vollweide sauber herausarbeiten zu können. Die Datenanalyse und die Modellrechnungen bestätigen eine hohe ökonomische Wettbewerbsfähigkeit von Vollweidesystemen unter österreichischen Bedingungen. Die Direktkosten lagen in allen drei Projektjahren signifikant niedriger und daher erzielten die Projektbetriebe eine deutlich höhere direktkostenfreie Leistung je Einheit Milch als der Durchschnitt der Arbeitskreisbetriebe. Mit einem Vollweidesystem kann somit das gleiche Einkommen wie bei traditionellen Produktionssystemen mit deutlich geringerem Milchverkauf erwirtschaftet werden. Anpassungen in der Betriebsorganisation, welche den Rückgang der Milcherzeugung durch niedrigere Einzeltierleistungen kompensieren, können die Wirtschaftlichkeit mit diesem System signifikant verbessern. Eine eindeutige Aussage zur Wirtschaftlichkeit von Vollweidesystemen in Österreich lässt sich aus der Studie naturgemäß nicht ableiten. Die betriebsindividuellen Voraussetzungen sind entscheidend dafür. Generell ist das ökonomische Potenzial von Vollweidesystemen bei biologischer Wirtschaftsweise größer als bei konventioneller und verbessert sich, wenn weidefähige Flächen und Stallplätze bei Bestandeserweiterungen günstig beschafft werden können. Auf der anderen Seite verliert dieses System an Wettbewerbskraft, wenn weidefähige Flächen in Hofnähe sowie Stallplätze für Bestandeserweiterungen knapp sind oder nur teuer beschafft werden können. Wesentlich für den Erfolg dieses Systems ist natürlich auch die Einstellung und Motivation der Bauern und Bäuerinnen, das low-cost System auf ihrem Betrieb konsequent umzusetzen.

Berichtsdokumente/Anlagen


logo Abschlussbericht "Untersuchungen zur Vollweidehaltung von Milchkühen unter alpinen Produktionsbedingungen" (2248.76 kB)
BerichtsautorInnen: Dr. A. Steinwidder und DI W. Starz - Betriebsleiterbefragungen (LFZ Raumberg-Gumpenstein); DI W. Starz und R. Pfister - Weidemanagement und Weideerfahrungen (LFZ Raumberg-Gumpenstein); Univ. Doz. Dr. E.M. Pötsch, E. Schwab und E. Schwaiger - Pflanzenbestandsentwicklung (LFZ Raumberg-Gumpenstein); Dr. A. Steinwidder, DI W. Starz und R. Pfister - Betriebs- und Tiermanagement (LFZ Raumberg-Gumpenstein); Dr. L. Podstatzky und Ing. M. Gallnböck - Physiologie und Tiergesundheit (LFZ Raumberg-Gumpenstein); Dr. L. Kirner - Ökonomie (BAWI Wien).

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