Nummer: 1386
Akronym:
Titel (deutsch): Die Produktion von Saatgut in abgegrenzten Erzeugungsprozessen zur Vermeidung einer Verunreinigung mit gentechnisch veränderten Organismen im Kontext mit der Koexistenz von konventioneller Landwirtschaft mit oder ohne GVO und ökologischer Landwirtschaft
Projektstart: 01.08.2004
Projektende: 12.06.2006
AuftragnehmerIn: Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH
Projektleitung: HR Dipl.-Ing. Leopold Girsch
Finanzierungsstellen: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft
Wissenschaftszweig:

Zielsetzung

Die Studie soll als Grundlage zur Erarbeitung von Strategien und Maßnahmen sowie Verfahren betreffend der 'Leitlinien für die Erarbeitung einzelstaatlicher Strategien und geeigneter Verfahren für die Koexistenz gentechnisch veränderter, konventioneller und ökologischer Kulturen' unter österreichischen Bedingungen dienen.
Entwicklung von Lösungsansätzen einschließlich der Abgrenzung von geschlossenen Anbauzonen mit konkreter geographischer Darstellung von Isolations- und Pufferzonen für die Saatguterzeugung in Österreich.
Darstellung der Interaktion von Saatgut (von Sortenzulassung bis zum Endprodukt) als primäre Quelle einer potentiellen GVO-Verunreinigung und landwirtschaftlicher Produktion im globalen und europäischen Umfeld, sowie Bedingungen der Koexistenz unterschiedlicher Produktionssysteme (konventionelle Landwirtschaft mit oder ohne GVO und ökologischer Landwirtschaft) - vertikale Koexistenz versus horizontale Koexistenz.
Ist-Analyse und Darstellung der Möglichkeit von geschlossenen Vermehrungsgebieten einschließlich geschlossener Produktionsprozesse. Maßnahmen der Vorsorge und Vermeidung einer Verunreinigung von Saatgut mit GVO in Österreich bei ausgewählten Kulturarten.
Wissenschaftliche Bewertung im Hinblick auf verschiedene Optionen von Schwellenwerten von GVO-Verunreinigungen in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen und deren Auswirkungen auf GVO-Analytik und Koexistenz in der Erzeugung von Futter- und Lebensmitteln.
Darstellung von Lösungsansätzen zur Minimierung des Risikos von GVO-Verunreinigungen in Saatgut bei den Kulturarten Mais, Raps, Sojabohne, Zuckerrübe und Kartoffel.
Betrachtung unterschiedlicher Szenarien der GVO-Anwendung in der EU und in Österreich und Darstellung entsprechender Maßnahmenkataloge und Lösungen in Hinblick auf die Saatgutproduktion:
1. Zulassung von GVO-Sorten weder in der EU, noch in Österreich (aktueller Stand),
2. Zulassung von GVO-Sorten in der EU, nicht aber in Österreich,
3. Zulassung von GVO-Sorten in der EU und in Österreich.

Bedeutung des Projekts für die Praxis

Abschlussbericht


Kurzfassung (deutsch)

Saatgut, das zentrale und strategisch bedeutende Betriebsmittel in der Landwirtschaft, insbesondere Bio-Landwirtschaft, steht zuletzt vor allem aufgrund der Frage der Anwendung von ''Genetisch (auch gentechnisch) Veränderten Organismen'', GVO, im Blickpunkt öffentlichen Interesses. Saatgut bestimmt maßgeblich die Menge, Qualität und Sicherheit von Erntegut zur Erzeugung von Futter- und Lebensmittel, und wird weltweit detaillierten Regelungen zur umfassenden Vorsorge, Ernährungs- und Rohstoffsicherung unterzogen. Aufgrund der strategischen Bedeutung von Saatgut für die Volkswirtschaften wird für Saatgut in Europa, den OECD-Staaten und vielen Ländern der Welt die Produktzertifizierung vor der Inverkehrbringung, der nachlaufenden Kontrolle, vorgezogen. Die vorliegende Studie setzt sich prioritär mit dem Aspekt der genetischen Qualität von Saat- und Pflanzgut auseinander. Besondere Beachtung finden die bestehenden Regelungen zur Feststellung, Bewertung und Vermeidung von genetischen Verunreinigungen (Sortenechtheit und Sortenreinheit) in Saatgut. Im Kontext damit werden in der EG bereits vorliegende und aktuell erörterte Regelungen zur Verunreinigung von Saatgut, Futter- und Lebensmittel mit GVO betrachtet. Das EG-Zertifizierungssystem von Saatgut umfasst ein Qualitätssystem, welches dazu geeignet ist, Grenzwerte zu genetischen Verunreinigungen, unabhängig von GVO, über mehrere Generationen einzuhalten. Das Qualitätssystem Saatgut schließt Maßnahmen der Vorsorge, die Umsetzung technischer Vorgaben für das Ausgangsmaterial, den landwirtschaftlichen Betrieb, die konkrete Vermehrungsfläche, sowie für Ernte-, Transport-, Lagerungs- und Bearbeitungsmaßnahmen bis hin zur Verpackung, Verschließung und Kennzeichnung des Produktes Saatgut ein. Konkrete ''Kontrollpunkte’‘ und Systemüberwachung insbesondere im Hinblick auf die gute landwirtschaftliche Praxis wie auch die gute Praxis in der Saatgutaufbereitung und die Rückverfolgbarkeit einschließlich deren Überprüfung und Überwachung sind Gegenstand des Qualitätssystems Saatgut. Das in Österreich vom Institut für Saatgut entwickelte und gemeinsam mit den Vermehrer-Organisationen und Vermehreren umgesetzte System sicherte (ohne relevante GVO-Anwendung in der EG) nicht nur die Einhaltung der Anforderungen an die österreichische Saatgut-Gentechnik-Verordnung, sondern trug auch zu einer massiven Ausweitung der Saatgutproduktionen in Österreich in den letzten Jahren bei. Im Zuge der landwirtschaftlichen Erzeugung werden die technischen und (sozio-)ökonomisch relevanten Rahmenbedingungen zur Koexistenz der Produktionssysteme neben den umfassend betrachteten externen GVO-Verunreinigungsquellen (Fremdbestäubung, mechanische Vermengung etc.) maßgeblich durch die Verunreinigung des eingesetzten Saatgutes bestimmt. Ein zentrales Ziel ist es daher die GVO-Verunreinigung des Saatgutes von NICHT-GVO-Sorten auf ein Mindestmaß zu beschränken. Das Mindestmaß wird durch ''technisch unvermeidbar’‘ und ''zufällig’‘ beschrieben. Die ökonomischen Rahmenbedingungen bestimmen allerdings die technischen Maßnahmen. Die gesetzten technischen Maßnahmen bestimmen wiederum was als ''zufällig’‘ oder ''nicht zufällig’‘ zu betrachten ist. Das umfangreiche Gemeinschaftsrecht betreffend GVO und die Rechtsnormen zu dessen Umsetzung sehen nach Zulassung, die Inverkehrbringung und den Anbau von GVO im Binnenmarkt und damit auch in Österreich vor. Allerdings wurden bisher weder auf EG- noch auf internationaler Ebene Regelungen, seien es Grenzwerte oder Kennzeichnungsschwellenwerte, zu GVO-Verunreinigungen des Saatgutes festgelegt. In der Studie werden die Produktionsbedingungen für Saatgut in Österreich, ebenso wie Kriterien, Parameter bzw. Einflussgrößen, welche zur Vermeidung einer GVO-Verunreinigung in der Saatgutproduktion im Kontext mit der Koexistenz von konventioneller Landwirtschaft mit oder ohne GVO und ökologischer Landwirtschaft bekannt sind, gegenübergestellt und bewertet. Es werden jene botanischen Arten betrachtet, bei welchen GVO weltweit relevant sind und bei welchen in Österreich auch Saatgut erzeugt wird. Das Nebeneinander ''gentechnisch veränderter, konventioneller und ökologischer Kulturen’‘ in technisch-biologischer und rechtlicher Hinsicht stellt auf der Grundlage der EG-Rechtssetzung eine besondere und neue Herausforderung in der Saatgutproduktion, in der landwirtschaftlichen Erzeugung bis hin zu den Prozessen zur Herstellung von Futtermittel und Lebensmittel dar. In einer Empfehlung der Kommission vom 23. Juli 2003, Dokument 2003/556/EG, (K(2003)-2624), wurden ''Leitlinien für die Erarbeitung einzelstaatlicher Strategien und geeigneter Verfahren für die Koexistenz gentechnisch veränderter, konventioneller und ökologischer Kulturen’‘ veröffentlicht. Darin wird in Punkt 1.1. ''Der Begriff der Koexistenz’‘, im 3. Absatz angeführt: ''Koexistenz bedeutet, dass die Landwirte unter Einhaltung der Etikettierungs- und Reinheitsvorschriften eine echte Wahl zwischen konventionellen, ökologischen oder GV-Produktionssystemen haben.’‘ Im Sinne der Leitlinien der EU-Kommission wird im Zuge dieser Studie von der so genannten ''Horizontalen Koexistenz’‘ gesprochen, bei der die Bedingungen, Anforderungen und Wechselwirkungen auf die Saatgutproduktion mit und ohne GVO-Anwendung betrachtet werden. Die vor- und nachgelagerten Bereiche spielen in der Frage um die Koexistenz konventioneller, ökologischer oder GV-Produktionssysteme im Sinne der ''Vertikalen Koexistenz’‘ in der landwirtschaftlichen Erzeugung v.a. aber auch in der Saatgutproduktion in der Generationenabfolge (Saatgut-Kategorien) eine zentrale Rolle. In den Leitlinien der EU-Kommission findet die Betrachtung der Aspekte der ''Vertikalen Koexistenz’‘ keine Berücksichtigung. Im Zuge der hier vorliegenden Studie werden die Problematik und das Zusammenspiel von horizontaler und vertikaler Koexistenz in der Saatgutproduktion dargestellt. Ansatzweise werden mögliche Auswirkungen von GVO-Verunreinigungen des Saatgutes auf die landwirtschaftliche Erzeugung auf der Grundlage des aktuell diskutierten EG-Schwellenwerteregimes betrachtet. Es werden konkrete Lösungsansätze für das Koexistenzmanagement in der Saatgutproduktion in Österreich für die bearbeiteten Kulturarten Mais, Sojabohne, Raps, Zuckerrübe und Kartoffel, aufgezeigt. Ergebnisse der Studie: 1. Das derzeit bekannte und aktuell von der EG-Kommission vorgeschlagene Niveau von Kennzeichnungsschwellenwerten für Saatgut betreffend GVO-Verunreinigungen, kann nur durch Maßnahmen, welche über die derzeit geltenden gesetzlichen Bestimmungen in der Saatgutproduktion hinausgehen, erzielt werden. Dies betrifft sämtliche Parameter und Erzeugungsprozesse wie Bewertung des Ausgangssaatgutes, Mindestentfernung zu unerwünschten Pollenquellen, Durchwuchsbestimmungen etc. 2. Ein Koexistenzmanagement beruht grundsätzlich auf der Basis einer Fall- zu Fall-Bewertung, einer individuellen Bewertung der Voraussetzungen, ob der Anbau von GVO-Kulturen den Bedingungen der Koexistenz mit Nicht-GVO-Kulturen in der Nachbarschaft, dem betroffenen Gebiet oder der betroffenen Region, Genüge tut. Zur Unterstützung der Fall- zu Fall-Bewertung wurde ein Koexistenzindex entwickelt, welcher alle bisher erläuterten Kriterien für den Gentransfer bzw. potentielle Einflüsse auf die GVO-Verunreinigung von Saatgutproduktionen gesamtheitlich und interaktiv in realen Szenarien bewertet. Es wird eine Beurteilung ermöglicht, ob eine Produktion von Z-Saatgut unter einer maximalen GVO-Verunreinigung mit den von der Kommission vorgeschlagenen Schwellenwerten (0,3%, 0,5%, 0,7%) in den ausgewählten Szenarien Aussicht auf Erfolg hat. Der vorgeschlagene Koexistenzindex basiert ausschließlich auf der Grundlage von Daten, welche unmittelbar oder mittelbar Einfluss auf die GVO-Verunreinigung haben. Die Kriterien des Koexistenzindexes können aus verfügbaren Datenbeständen zur Berechnung herangezogen werden. 3. Zur Vermeidung eines ungewollten Gentransfers bei der Erzeugung von pflanzlichen landwirtschaftlichen Produkten (Erntegut), welche den Anforderungen der einschlägigen EG-Rechtsnormen für Futter- und Lebensmittel sowie für Saatgut entsprechen, und um nicht als GVO gekennzeichnet zu werden, wird Die Einrichtung ''Geschlossener geographisch abgegrenzter Saatgutproduktionsgebiete oder Regionen und die Einrichtung ''Geschlossener Produktionsprozesse’‘ für die Kulturarten • Mais (Zea mays) • Raps (Brassica napus) und • Zuckerrübe (Beta vulgaris) Die Einrichtung ''Geschlossener Produktionsprozesse’‘ für die Kulturarten • Sojabohne (Glycine max) und • Kartoffel, Erdäpfel (Solanum tuberosum) vorgeschlagen. Beachtenswert ist, dass bei Saatgutproduktionen von Raps und Zuckerrübe nur durch eine weiträumige geographische Abgrenzung, die Einhaltung des aktuell bekannten und vorgeschlagenen EG-Schwellenwerteregimes unter österreichischen Bedingungen mit angemessenem Risiko, möglich ist. 4. Die konkrete Bemessung der Mindestabstände für die festzulegenden Isolationszonen ergibt sich aus den in den Methoden für Saatgut und Sorten festgelegten Mindestentfernungen für die Saatgutproduktion. Auf Basis des vorgeschlagenen EG-Schwellenwerteregimes wären zur Bemessung der Mindestabstände jene für die Erzeugung von Vermehrungssaatgut adäquat. 5. Es wird die Einrichtung ''Geschlossener Saatgutproduktionsgebiete oder –regionen’‘ durch Rechtssetzung in den Bundesländern auf der Basis der Bestimmung des § 18 Abs. 3, Saatgutgesetz 1997, vorgeschlagen: ''Der Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft kann, wenn es zur Sicherung der Saatgutqualität erforderlich ist, durch Verordnung bestimmte Arten festsetzen, bei denen geschlossene Anbaugebiete Voraussetzung für die Anerkennung sind.’‘ 6. Eine zusätzliche Differenzierung des Schwellenwerte- oder Grenzwerteniveaus für Saatgut biologisch wirtschaftender Betriebe erscheint unter koexistenten Rahmenbedingungen nicht mit angemessenem Risiko erzielbar. 7. Es wird in den bevorstehenden Verhandlungen zum EG-Schwellenwerte- oder EG-Grenzwerteregime für GVO-Verunreinigungen bei Saatgut vorgeschlagen, den LQL (Limited Quality Level = statistisch akzeptierter Grenzwert) bei 95 %-iger Sicherheit gleich dem Schwellen- oder Grenzwert zu setzen.

Berichtsdokumente/Anlagen


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BerichtsautorInnen: Leopold Girsch
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